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Übersichten, Grundlagen

Literaturtheoretische Positionen. Entwicklung und aktueller Stand

Willi Benning (Athen)

Es hat sich in den letzten zehn Jahren so etwas wie ein ‚Kanon’ literaturtheoretischer Schulen oder Tendenzen herausgebildet, der sich im Inhalt entsprechender Handbücher, Gesamtdarstellungen und Einführungen niederschlägt. Die aktuellen Positio­nen der Literaturtheorie sollen im synchronen Zusammenhang skizziert und als Resul­tat einer Entwicklung der Literaturwissenschaft seit den 60er Jahren umrissen wer­den. Im gegebenen zeitlichen Rahmen können die aktuellen Positionen nur in einem schematischen Überblick dargestellt werden. Die Entwicklung der Literaturwissenschaft wird anhand exemplarischer Publikationen der letzten Jahrzehnte stichwortartig aufgezeigt.

Kontroverse Interpretationen zu Kleists „Amphitryon. Ein Lustspiel nach Molière“

Katerina Mitralexi (Athen)

Mit Amphitryon. Ein Lustspiel nach Molière (1807) griff Kleist einen mythischen und literarischen Stoff auf, der sich seit der Antike und bis zur Gegenwart als ungemein fruchtbar erwiesen hat, befindet sich doch in dessen Kern und spätestens seit der plautinischen Fassung des 2. vorchristlichen Jahrhunderts (Plautus Amphitruo, 189 v. Chr.) mit der Einführung der Doppelgängerimplikation (Jupiter – Amphitryon, Merkur – Sosias) die irritierende Frage nach der Erkenntnis des Selbst und des Anderen, die Identitätsproblematik. Kleists Version erwies sich als griffiger Deutung besonders resistent, die Zeitgenossen standen dem Werk gänzlich ratlos gegenüber und auch spätere Interpreten mussten immer wieder auf dessen Paradoxien und Rätsel hinweisen. Es sollen Argumente und Ergebnisse aktueller, verschiedenen literaturtheoretischen Positionen verpflichteter Interpretationen zu Kleists Amphitryon vorgestellt werden, verbunden mit einem eigenen Interpretationsvorschlag.

Schrift der Erinnerung

Evi Petropoulou (Athen)

Der Erinnerung als Thema und Struktur des autobiographischen Diskurses bei Walter Benjamin gilt das zentrale Interesse dieses Vortrages. Auf der Basis einer Lektüre von Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert wird einerseits versucht, Bilder (Metaphern, Symbole..) zu analysieren, die literarische Erinnerung anschaulich konzeptualisieren – häufig im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von Gedächtnis; andererseits wird gefragt, inwiefern sich diese Konzepte der Erinnerung in der Struktur der Narration selbst niederschlagen.

Schulen literarischer Analyse: Traditionen, Neue Tendenzen

Biographische Interpretation

Möglichkeiten und Grenzen biographischer Interpretations­versuche am Beispiel ausgewählter Texte von Günter Grass

Hans Schlumm (Korfu)

In vielen Texten der Sekundärliteratur zu Günter Grass wird immer wieder auf die zentrale Bedeutung der Lebensgeschichte des Schriftstellers für das Verständnis seines literarischen Werkes verwiesen. Dabei werden zumeist die zahlreichen und vielfältigen diesbezüglichen Selbstaussagen des Autors umstandslos als eine Art realgeschichtlicher Interpretationsfolie verwendet. Diese Art von Interpretationen übersehen, dass eben diese Aussagen zumeist schon Resultat literarischer Brechung von Wirklichkeit darstellen. Gegen diese weitverbreitete Verwechslung hat Grass schon 1972 mit seinem Roman „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ anzuschreiben versucht.

Medientheorie

Der Flaneur als Regisseur? Zur Relation zwischen Flanerie und Film bei Yvan Goll und Walter Benjamin

Christos Asteriou (Würzburg/Athen)

Yvan Goll (1896-1950), fanatischer Befürworter des Mediums „Kino“ in den 20er Jahren und Walter Benjamin (1892-1940), der in seiner berühmten Abhandlung Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Theorie vom Verlust der Aura am Beispiel des Films entwickelt, verbinden in einer äußerst interessanten Parallele den Akt des Flanierens mit dem des Filmens. In diesem Vortrag wird versucht, sowohl den Filmbegriff bei beiden Autoren kurz zu schildern als auch die verblüffende Verquickung des Flaneurs mit dem Regisseur in ihrer Widersprüchlichkeit und Ambivalenz zu analysieren.

Systemtheorie

Musils Werk als autopoietisches Fragment

Anastasia Chournazidi (Athen)

In diesem Vortrag geht es um das Werk Musils Der Mann ohne Eigenschaften vom Gesichtspunkt der Systemtheorie von Niklas Luhmann aus. Im Mittelpunkt der systemtheoretischen Betrachtungen steht das literarische Werk als unendliche Autopoiesis ästhetischer Mittel. Die autopoietische Erzählweise ist ein Prozess von möglichen Weltentwürfen. Die Kunst stellt die Weltkontingenz her, indem sie die Differenz von ästhetischer Form (Selbstreferenz) und gesellschaftlichem Kontext (Fremdreferenz) konstituiert. Es geht um ein interaktives Spiel zwischen dem Innen der Narration und dem Außen der Welt. Im Rahmen der Systemtheorie ist die Welt als ein unkontrollierbares Chaos bzw. als eine Wildnis von Möglichkeiten zu verstehen. Die Erzählung reduziert die Komplexität der Welt und bietet trotz der Paradoxien eine einheitliche und deswegen kontrollierbare Ordnung, in der der Leser Geborgenheit findet.

Sozialgeschichte

Literarische Gestaltung und soziale Realität bei J.M.R. Lenz, Büchner und Brecht

Sophia Avgerinou (Athen)

Es scheint auf den ersten Blick fragwürdig, ob ein Zusammenhang in der poetologischen und theatralischen Konzeption bei Lenz, Büchner und Brecht behauptet werden kann. Betrachtet man aber Lenz’ Dramen Der Hofmeister und Die Soldaten, Büchners Texte Lenz und Woyzeck und Brechts Bearbeitung des Hofmeisters, so stellt sich heraus, dass es bei diesen drei Autoren Gemeinsamkeiten gibt, die mit ihrer Hinwendung zur sozialen Realität zusammenhängen. Der Versuch, diese Realität kritisch zu gestalten, führt auch zu avantgardistischen literarischen Formen. Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang Begriffe wie „Natur“, „Gesellschaft“ oder „Realität“ und ihren Gebrauch bei Lenz, Büchner und Brecht zu klären, in denen sich Ähnlichkeiten und Differenzen manifestieren.

Psychoanalyse

Das Modell der ‚Gegenübertragungsanalyse’ als Brücke zwischen Text und Forscher

Evangelia Tsiavou (Potsdam)

Dieses von Pietzcker (1992) entworfene interpretatorische Verfahren findet zuallererst Anwendung in der psychoanalytischen Deutung von Literatur; es lässt sich aber, zumindest partiell, für die literaturwissenschaftliche Analyse verallgemeinern. Da es auf hermeneutischer und assoziations­orien­tier­ter Basis beruht, bringt es den theoretischen Hintergrund des Literaturwissenschaftlers und seine rezeptive und interpretatorische Erfahrung in Zusammenhang. – Anhand der siebenstufigen Textbearbeitung ergibt sich der Erkenntnisgegenstand und wird in der wissenschaftlichen Perspektive des Interpreten gestaltet. Indem Letzterer seine Gegenübertragung analysiert, kann er sich distanzieren, um zu überprüfen, ob und wie der Text sein Wissen aktiviert und welchen Anstoß er ihm zum Weiterdenken gibt. Dann sucht er seine Hypothesen im Text schlüssig zu machen und sie anhand des literaturwissenschaftlichen oder/und des psychoanalytischen Instrumen­tariums zu fassen.

Existentialismus

RES DUBIA. Das Argument in der Literaturwis­senschaft am Beispiel von E.T.A. Hoffmann und J.P. Sartre

Katerina Karakassi (Essen/Athen)

Versteht man unter Argument den Grund, der eine (strittige) Annahme glaubwürdig und ihre Haltbarkeit einleuchtend macht, so stellt dies die Literaturwissenschaft vor die Aufgabe, Verfahren zu entwickeln, die die logisch gültige Begründung einer These ermöglichen. Die Grenzen und die Implikationen einer solchen „logischen“ Beweisführung für die Literaturwissenschaft werden am Beispiel der These exemplifiziert, dass E.T.A. Hoffmans Der Sandmann eine gewisse Affinität mit der existentialistischen Philosophie Jean Paul Sartres aufweist, indem er Sartres Konzept des Blicks (Le Regard) in Das Sein und das Nichts (L’Être et le Néant) vorwegnimmt und literarisch inszeniert.

Postmoderne

„Postmoderne bei Lyotard“ (Arbeitstitel)

Eleni Kouvari (Paros)

Kulturwissenschaft

Kultur als textuelle Konfiguration. Perspektiven für eine ‚Poetik der Kultur’

Aglaia Blioumi (Athen/Thessaloniki)

Literarische Texte sind spezifische Formen des kollektiven Wahrnehmens der Welt. Folglich ‚interpretieren’ Texte kulturspezifische Kodierungen und Symbolisierungen. Aufgabe einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Literaturwissenschaft ist es, die selbstreflexive Funktion der kulturellen Sinnproduktion einer Gesellschaft, die sich in literarischen Texten manifestiert, interpretatorisch zu erfassen. Im Beitrag wird die ‚kulturalistische Wende’ in den Literaturwissenschaften seit dem Beginn der 1990er Jahre kurz umrissen und der sog. ‚dynamische Kulturbegriff’ aufgezeigt. Im Horizont dieser Entwicklung wird der Zusammenhang von Literatur- und Kulturwissenschaft mit Hilfe einiger zentraler kulturwissenschaftlicher Begriffe und deren Einsatz beim Interpretieren literarischer Texte vorgestellt. Ziel ist es, die Notwendigkeit der Entwicklung einer ‚Poetik der Kultur’ zu beleuchten, um dadurch die kulturelle Selbstwahrnehmung in Texten und deren wissenschaftliche Beobachtung zu demonstrieren.

Rezeption, Vergleich, Einfluss

Antikerezeption 1

Jean Paul und Aristophanes

Tanja Daskaroli (Athen)

Jean Paul entwickelt in seiner Vorschule der Ästhetik eine systematische Theorie des Humors, die er sowohl auf philosophischer Reflexion als auch auf der Betrachtung älterer und ihm zeitgenössischer Literatur begründet. Dabei nimmt Aristophanes in der ausführlichen Erläuterung der Bestandteile des Humors eine wichtige Stellung ein. Der Beitrag möchte erkunden, welche Aspek­­te des Werkes des griechischen Komikers er analysiert und mit welchen Begriffen Jean Paul sie zur Ableitung seiner ästhetischen Theorie verwendet.

Antikerezeption 2

‚Gott’ und ‚Natur’ in Kleists „Penthesilea“, in Euripides’ „Bakchen“ und in Homers „Ilias“

Mary Evstathiou (Athen)

Im kleistschen Drama Penthesilea, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden ist, wird das geschichtsphilosophische Ideal der ‚Gottähnlichkeit’ untersucht. Dieses Ideal ist im diesem Werk einerseits mit einer spezifischen Naturauffassung verbunden: das Modell der hemmungslosen, wilden Natur, das mit der Seligkeit des tierischen Lebens kongruiert. Die Gottähnlichkeit selbst entspringt im kleistschen Denken aus dieser animalischen Seligkeit. Andererseits verbindet sich dieses Ideal mit den romantischen Demiurgen-Ambitionen und folglich mit einer antagonistischen Haltung gegenüber Gott. – Genau diese Auffassungen geben uns Anlass, dieses Drama im Vergleich mit Euripides Bakchen und Homers Ilias zu betrachten. Kleist als Leser von Euripides und Homer überträgt und bearbeitet Elemente dieser Werke in sein Drama, um seine Ideen zu gestalten.

Mythenrezeption

Der Niobemythos im deutschen Drama um 1800

Stefan Lindinger (Athen/Regensburg)

In der Goethezeit erlebte die literarische Auseinandersetzung mit antiken Mythen eine Blüte. Davon legen Dramen wie Goethes Iphigenie oder Kleists Penthesilea und Amphitryon Zeugnis ab. Doch auch auf der Ebene unterhalb dieser Meisterwerke gab es zahllose einschlägige Versuche, die heute allerdings weitgehend vergessen sind. Zu letzteren zählen drei Dramen von Maler Müller, Ludwig Tieck und Wilhelm von Schütz, in deren Mittelpunkt die aus der Antike von Homer und Ovid überlieferte Gestalt der Niobe steht. Mit Rücksicht auf die Ansätze zur Mytheninterpretation von Blumenberg und Uvo Hölscher werde ich versuchen, in den drei Dramen um Niobe deren ‚einfache Geschichte’ zu identifizieren, diese dann in Einzelelemente zu untergliedern und vermittels dieser Elemente einen Vergleich zwischen den antiken Vorbildern sowie deren‚ Variationen’ aus der Zeit um 1800 herzustellen.

Literatur und Fotografie

Einfluss als Innovation

Eleni Mouzakiti, Kostas Ioannou (Ioannina)

In seiner Sammlung von Fotografien Zögling und Meister (2000) interpretiert der zeitgenössische Fotograf Joel Peter Witkin das Werk berühmter Vorgänger (Man Ray, Diane Arbus etc). Den Bildern ist ein kurzer Text beigegeben, in dem Witkin sein Verhältnis zu ihnen diskutiert. – Wir wollen seinen Versuch kommentieren, indem wir uns auf Harold Blooms Theorie beziehen (Anxiety of Influence). Indem wir dessen Model anwenden, versuchen wir, über unseren Interpretationsversuch nachzudenken. – Witkin missinterpretiert die Älteren, indem er im fast literarischen Sinne Gewalt auf ihre Werke ausübt. Auf ähnlich aggressive Weise mischen wir uns als Interpreten ein: wir wenden uns gegen das Werk von Witkin, indem wir versuchen, die Bilder in Wörter umzusetzen; wir wenden uns gegen den sprechenden Witkin selbst, indem wir ihm das letzte Wort über seine Bilder wegnehmen.